Die Gründer von TeleClinic: Reinhard Meier, Katharina Jünger und Patrick Palacín (v.l.)

Zum ersten Mal hat eine Ärztekammer ein Modellprojekt für die ausschließliche Fernbehandlung von Patienten genehmigt. Die Landesärztekammer Baden-Württemberg hat dem Startup TeleClinic aus München eine auf zwei Jahre befristete Genehmigung dafür erteilt. Einfach war das nicht: Denn zuvor musste die Berufsordnung der Ärzte geändert werden. Dagegen regte sich lange Widerstand.

Auch bislang durften Ärzte ihre Patienten am Telefon oder Bildschirm behandeln – also beraten, Diagnosen stellen und Therapien einleiten. Aber es gab eine massive Einschränkung: Sie mussten den Patienten zuvor getroffen und die Möglichkeit zur körperlichen Untersuchung gehabt haben. Das eHealth-Gesetz von 2016 weichte diese strenge Vorschrift ein wenig auf: Dort wurden erstmals auch sechs medizinische Indikationen festgelegt, die Ärzte per Videochat behandeln dürfen, darunter Hauterkrankungen und die Kontrolle von Wunden.

[contentad keyword=“adsensegs1″ align=“left“]Zahlreiche Startups nutzten diese neuen – wenn auch eingeschränkten Möglichkeiten: Patientus etwa, ein Tochterunternehmen der Arzt-Empfehlungsplattform Jameda, bietet Ärzten eine technische Infrastruktur, um Videochat mit Patienten durchführen zu können. Der Berliner IT-Dienstleister DocCirrus bietet ebenfalls eine solche Software an. Das Startup KRY hat eine App entwickelt für Patienten, die medizinische Beratung benötigen, bei denen eine physische Untersuchung jedoch keine Voraussetzung zur Diagnose oder Behandlung ist.

TeleClinic geht nun mit Rückendeckung der süddeutschen Ärztekammer einen Schritt weiter: Hier dürfen sich Patienten zur Videosprechstunde anmelden, auch wenn sie den Arzt zuvor noch nie gesehen haben. Katharina Jünger, Geschäftsführerin von TeleClinic, wertet diese Neuerung als „Meilenstein im deutschen Gesundheitswesen und für unser Geschäftsmodell ein Wachstumskatalysator“. 

Das Fernbehandlungsverbot stammt übrigens aus dem 19. Jahrhundert. Zu dieser Zeit konnte die Geschlechtskrankheit Syphilis ausschließlich mit hochgiftigen quecksilberhaltigen Medikamenten behandelt werden. Wer das wusste, bestellte per Kurier bei einem Kurpfuscher Quecksilber und therapierte sich diskret. Dagegen lief die damalige Ärzteschaft Sturm. Unter anderem daraus entstand die Vorschrift in ärztlichen Berufsordnungen, wonach Ärzte „individuelle ärztliche Behandlung, insbesondere auch Beratung, nicht ausschließlich über Print- und Kommunikationsmedien durchführen“ dürfen.

Weitere Projekte kurz vor dem Start

TeleClinic will die Sprechstunde anbieten und mit zwei privaten Krankenversicherungen abrechnen. Projekte mit gesetzlichen Kassen seien in der Pipeline, sagt Oliver Erens, Sprecher der Ärztekammer in Baden-Württemberg. Wie es bei der Ärztekammer weiter heißt, dürfen zunächst ausschließlich Ärzte und Patienten des Bundeslandes das neue Angebot nutzen. Weitere Landesärztekammern werden wohl nachziehen. „Wir sehen, dass sich diese Entwicklung nicht aufhalten lässt“, sagt Erens.

Ein Anfang ist also gemacht. Dass Telemedizin auch anders funktioniert, zeigt ein Blick in die Schweiz: Dort hat der Dienstleister Medgate seit dem Jahr 2000 insgesamt 6,6 Millionen Videosprechstunden angeboten. Pro Tag werden bis zu 5.000 Patienten beraten. Auch ein deutsches Startup nutzt die besseren Bedingungen im Nachbarland schon: Die digitale private Krankenversicherung Ottonova bietet seit Kurzem Fernbehandlungen an und setzt dabei auf die App des Schweizer Partners Eedoctors.

Bild: TeleClinic